Unter den vielen Symbolen, die die nordische Welt durchzogen, nimmt das Croix du Soleil – das Sonnenkreuz – eine besondere Rolle ein. Es ist eines der ältesten und weltweit verbreitetsten Zeichen, doch in der Wikingerzeit trug es eine ganz eigene Bedeutung. Dieses einfache, aber kraftvolle Symbol – ein gleicharmiges Kreuz in einem Kreis – wurde nicht nur als kosmisches Zeichen der Ordnung verstanden, sondern auch als Darstellung der Sonne, des Lichts, der Zeit und des zyklischen Lebens.
Das Croix du Soleil stand im Zentrum vieler ritueller Vorstellungen und war viel mehr als ein Ornament. Es war Ausdruck einer tiefen Verbindung zwischen Mensch, Natur und göttlicher Kraft. In Runen, Schmuck, auf Waffen oder sogar Steinsetzungen lässt sich seine Spur bis heute verfolgen – als Zeugnis einer Welt, in der Symbolik und Wirklichkeit untrennbar verbunden waren.
Das Sonnenkreuz gehört zu den ältesten bekannten Symbolen der Menschheit – archäologische Funde datieren es bis in die Jungsteinzeit. In Skandinavien taucht es bereits auf Felsritzungen der Bronzezeit auf und wird mit Sonnenkulten und rituellen Kalenderzyklen in Verbindung gebracht. In der Wikingerzeit wurde es als visuelles Element aufgegriffen und neu kontextualisiert – eingebettet in die Welt der nordischen Götter, Runen und Rituale.
In der französischen Forschung wird es als „Croix du Soleil“ bezeichnet, während im deutschen Sprachraum meist der Begriff Sonnenrad oder Sonnenkreuz verwendet wird. Für die Wikinger war es vermutlich ein Verbindungssymbol zwischen den Welten – die vier Armenden standen für die Himmelsrichtungen oder die Jahreszeiten, während der Kreis die Ganzheit der Welt, die Sonne oder den kosmischen Zyklus symbolisierte.
In dieser Bedeutung steht das Croix du Soleil in direkter Nachbarschaft zu anderen sakralen Geometrien wie dem Swastika, dem Aegishjálmr oder den Runenkreisen. Es war ein heiliges Zeichen, das nicht nur die Sonne als physisches Licht beschwor, sondern auch das göttliche Licht, das in allen Dingen strahlt.
In der nordischen Mythologie ist das Sonnenkreuz nicht namentlich überliefert, doch seine Elemente sind allgegenwärtig. Die Sonne selbst war eine göttliche Macht – verkörpert durch Sól, die Sonnengöttin, die mit ihrem von Pferden gezogenen Wagen über den Himmel fährt. Ihr Licht war lebensspendend, heilend und rhythmusgebend.
Das Croix du Soleil könnte somit als abstrakte Darstellung ihres Wagens oder ihrer Bahn am Firmament gesehen worden sein. Der Kreis symbolisiert den Himmel, das Kreuz die vier Kardinalpunkte – gemeinsam ergeben sie das Bild einer geordneten, zyklischen Welt, die sich um eine göttliche Mitte dreht.
Zugleich könnte das Sonnenkreuz eine Verbindung zu Yggdrasil, dem Weltenbaum, andeuten. Die vier Himmelsrichtungen, die Zeitzyklen und die Idee des Zentrums als göttlicher Ort – all das ist auch im Bild des Weltenbaumes verankert. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn das Croix du Soleil im rituellen Denken der Wikinger als kosmisches Kompasssymbol verstanden wurde, das Mikrokosmos und Makrokosmos vereint.
In der Wikingerzeit taucht das Symbol in vielen Kontexten auf – vor allem auf Schmuckstücken, Amuletten und Runensteinen. Es wurde in Talismanen getragen, auf Schilde gemalt oder in Holz, Stein und Metall geritzt. Besonders im Zusammenhang mit Jahreskreisfesten wie der Sommersonnenwende oder dem Julfest wird vermutet, dass das Sonnenkreuz rituellen Charakter hatte.
Einige Funde zeigen das Croix du Soleil auf Kammgriffstücken, Broschen oder Fibeln, die möglicherweise als Schutz- und Fruchtbarkeitssymbole dienten. Die kreisförmige Ordnung sollte Chaos abwehren und das Leben im Gleichgewicht halten.
Auch in rituellen Pfosten oder Runenstäben wurden Abwandlungen des Symbols gefunden. Besonders auf Totenbooten oder Grabbeigaben konnte das Croix du Soleil das Zeichen der Hoffnung auf Wiederkehr und die zyklische Ordnung des Lebens markieren – die Vorstellung, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Übergang im ewigen Kreis sei.
Das Croix du Soleil ist ein Sinnbild für kosmische Ordnung und Harmonie. Es vereint in seiner einfachen Form die Gegensätze – Tag und Nacht, Licht und Schatten, Leben und Tod. Der Kreis steht für Unendlichkeit, Kontinuität und Schutz, das Kreuz für Richtung, Orientierung und Struktur.
Im spirituellen Sinne war das Sonnenkreuz ein Wegweiser, der dem Träger half, seinen Platz in der Welt zu finden. In der Welt der Wikinger, die von Naturkräften, Götterwirken und Ahnengeistern durchzogen war, war ein solches Zeichen mehr als Zierde – es war ein Instrument der inneren Ausrichtung.
Auch als Sonnenzauber wurde das Symbol verehrt: In schwierigen Zeiten, bei Krankheiten, dunklen Wintern oder Gefahren wurde das Sonnenkreuz als Lichtbringer angerufen – um Klarheit, Hoffnung und Lebenskraft zu stärken. Es war eine Art „Magisches Zentrum“, das den Menschen inmitten des Chaos Halt und Struktur bot.
Das Croix du Soleil ist kein ausschließlich nordisches Symbol. Es begegnet uns weltweit – in der indoeuropäischen, keltischen, slawischen und sogar fernöstlichen Symbolik. In allen Kulturen wird es mit Sonne, Ordnung, Zeit und Schutz in Verbindung gebracht.
In der keltischen Welt erscheint es als keltisches Kreuz, bei den Slawen als Kolovrat, in Asien in buddhistischen Darstellungen. Die universelle Form hat über Jahrtausende hinweg Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, ihre Beziehung zum Himmel, zur Sonne und zur göttlichen Mitte auszudrücken.
Die Ähnlichkeit zu späteren Sonnenrädern oder Radkreuzen, wie sie im Mittelalter auf Kirchenbauten oder Wappen zu finden sind, zeigt die Zeitlosigkeit und Kraft des Symbols. Es wurde übernommen, neu interpretiert, weitergetragen – bis heute.
In der nordischen Kultur ist das Croix du Soleil nicht nur ein Sonnen- oder Kalendersymbol – es wird häufig auch als „Odinskreuz“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist mehr als eine poetische Umschreibung. Sie verweist auf die tiefere spirituelle Ebene des Symbols und seine Verbindung zu Odin, dem höchsten Gott im nordischen Pantheon. Odin ist der Gott der Weisheit, Magie, Opferbereitschaft und Erkenntnis – und als solcher auch derjenige, der zwischen den Welten wandelt.
Das Odinskreuz – also das gleicharmige Kreuz im Kreis – spiegelt symbolisch genau dieses Prinzip wider: den Mittelpunkt zwischen allen Himmelsrichtungen, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Leben und Tod. Der Kreis steht für das Allumfassende, das Ewige, während das Kreuz die vier Himmelsrichtungen, die Elemente oder gar die neun Welten Yggdrasils andeuten kann. In seiner Mitte befindet sich der Punkt absoluter Balance – ein Ort der transzendenten Erkenntnis, an dem Odin selbst sein Wissen suchte.
Manche Interpretationen gehen sogar so weit zu sagen, das Odinskreuz sei ein abstraktes Abbild von Yggdrasil, der Weltenesche, die in ihrer vertikalen und horizontalen Ausdehnung alle Ebenen des Seins verbindet. Und so wird das Croix du Soleil in dieser Lesart zu einem kosmischen Kompass, in dessen Zentrum der Wanderer Odin steht – der, der die Runen entdeckte, der sich selbst opferte, um Weisheit zu erlangen, der zwischen Göttern, Menschen und Toten vermittelt.
In magischen oder rituellen Kontexten galt das Odinskreuz daher als Symbol der Mitte, der Klarheit und der göttlichen Ordnung. Es wurde als Schutzzeichen verwendet, aber auch als Zugang zu geistigen Reichen – ein Schlüssel zur Einsicht in größere Zusammenhänge. Wer dieses Kreuz trug oder auf heilige Gegenstände ritzte, stellte sich bewusst unter den geistigen Schutz und die Führung Odins – wissend, dass dieser Weg mit Mut, Wahrheit und Opferbereitschaft einhergeht.
So gesehen ist das Croix du Soleil nicht nur ein Sonnenzeichen, sondern zugleich ein tiefes spirituelles Sinnbild: das Odinskreuz – der Schnittpunkt von allem, das Zentrum im Kreis der Welt, wo Erkenntnis geboren wird.
Das Croix du Soleil war für die Wikinger ein starkes Symbol für Zyklus, Leben, Ordnung und göttliche Führung. Ob als Abbild der Sonnenkraft, als Wegweiser des Geistes oder als Schutzzeichen im Alltag – es stand immer für das Streben nach Balance und Orientierung im Wandel der Welt.
Heute lebt dieses Symbol in spirituellen und künstlerischen Kontexten weiter. Es erinnert uns an die alten Weisheiten, die im einfachen Kreis und Kreuz verborgen liegen: Dass das Leben nicht linear, sondern zyklisch verläuft, dass wir Teil eines größeren Musters sind – und dass in der Mitte, wo sich alle Wege kreuzen, immer das Licht wohnt.
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